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«БОЛЬШЕ ЧЕМ КУЛЬТУРА. Пессимистические заметки о Бахе и о наших современниках» игумена Петра (Мещеринова), когда-то были опубликованы в журнале «Фома».

В день рождения великого композитора хочу поделиться переводом этой статьи на немецкий, который сделал по просьбе нашей редакции австрийский переводчик Вольфганг Шмидингер…

MEHR ALS KULTUR

Pessimistische Anmerkungen über Bach und unsere Zeitgenossen

Autor: Abt Pjotr (Mešcerinov)Direktor der Schule für Jugendseelsorge beim Patriarchats-Zentrum für geistliche Entwicklung von Kindern und Jugendlichen im Danilov-Kloster (Moskau).

I.

Ich habe einen Freund. Ich kenne ihn seit den Tagen meiner Kindheit. Stets habe ich von ihm Beistand, Trost und Freude erhalten. Nicht ein einziges Mal hat er mich im Stich gelassen, in manch schwerer Stunde war er mir Gesprächspartner und Stütze. Mehr noch, er erwies mir die größte Wohltat, die nur möglich ist: er führte mich zu Christus, er erschloß mir das Evangelium. Unsere Beziehung entbehrt freilich nicht einer gewissen Eigentümlichkeit: die Sache ist die, daß mein Freund vor 257 Jahren gestorben ist (aber in Christus sind wir doch alle lebendig). Er heißt Johann Sebastian Bach.

Mit zwölf, dreizehn Jahren begann ich von seiner Musik hingerissen zu sein (die Musik ist mein Beruf, ich wurde in eine Musikerfamilie geboren und studierte seit dem Alter von sieben Jahren in allen möglichen Einrichtungen für Musikausbildung). In diesem Alter kannte ich bereits das Werk vieler Komponisten, doch Bach beeindruckte mich ganz besonders. Er senkte etwas ganz tief in meine Seele; ich spürte, daß das mehr ist als Musik, daß dahinter irgend etwas (irgend Jemand) steht.

Auf der Musikschule begannen wir entsprechend den Lehrplänen Bach zu studieren. Aber das ist es gerade … Denn hier muß ich etwas abschweifen und ein paar Worte darüber sagen, was für Lehrpläne das waren. Ihre zentrale Idee war der Atheismus. Die Gestalter sowjetischer Lehrkurse gaben sich alle Mühe, wenn von der geistlichen, kirchlichen Musik (und das ist bis zum 19. Jahrhundert das Meiste) gesprochen wurde, ihr einen „marxistischen“, gottlosen Sinn zu verleihen.

Ich erinnere daran, daß Bach nicht nur ein tiefgläubiger Christ war, sondern auch ein großer christlicher Denker, der in der Geschichte nicht seinesgleichen hat, denn er philosophierte nicht mit Worten, sondern mit Tönen. Er hat bewußt sein Werk Gott geweiht, denn er sah die Bestimmung der Kunst „im Lobpreis des Allerhöchsten und in der Erbauung des Nächsten“. Mehr noch, er war ganz und gar ein Diener der Kirche: Organist in vielen deutschen Städten und in den letzten 27 Jahren seines Lebens (1723 – 1750) Kantor in der Thomas- und in der Nikolai-Kirche in Leipzig (ein Kantor ist ein Regenschori (Dirigent), Zeremonienmeister, Lehrer in der Sonntagsschule und städtischer Musikdirektor in einem).

So konnte also die sowjetische Musikpädagogik im Gespräch über Bach in keiner Weise diese für sie unangenehmen Fakten ignorieren, doch sie wand sich mit allen möglichen Mitteln heraus, indem sie diese verfälscht deutete. War die Rede von der sakralen Musik des Komponisten, bedauerten unsere Lehrbücher: natürlich war Bach ein progressiver, klassenmäßig richtig orientierter Kulturschaffender seiner Zeit. Doch sein Unglück war: damals herrschte eine Übermacht der Kirche. Kein Sujet, außer biblischen, wurde für das künstlerische Schaffen zugelassen …und Bach verwendete schweren Herzens, mit Abscheu und widerwillig Sujets aus dem Evangelium. Doch er drückte mit ihnen selbstverständlich progressive, ganz und gar nicht religiöse Ideen aus. Armer Bach! Hätte er 150 Jahre später gelebt, er hätte ganz sicher ein Oratorium mit dem Text des „Manifests der kommunistischen Partei“ geschrieben. So lehrte man uns. (O ihr Liebhaber und Bewunderer der Sowjetzeit! Wie schnell habt ihr diese Atmosphäre der unverschämten, dummen Lüge und Gottlosigkeit vergessen, in der man Generationen erzogen hat…)

Unsere Ideologen lehrten aber nicht, daß Bachs Musik für sich selbst sprach. Sie fegte die ganze Hülse des unsinnigen, atheistischen Geredes weg. Als wir die „Matthäus-Passion“ durchgingen, wollte man uns suggerieren, daß die Hauptperson in der Handlung dieses Karfreitag-Gottesdienstes das Volk sei (es ist anzunehmen, dasselbe, das „ans Kreuz mit Ihm“ schrie). Doch die Musik klagte und weinte, trauerte und war von Entsetzen gepackt, litt und strahlte durch enorme Liebe zu Dem, Dessen Namen unsere Lehrbücher – wie der Teufel das Weihwasser – fürchteten, zu erwähnen. Doch im Notentext, der uns beim Studium der „Passion“ ausgeteilt worden war, waren auf Deutsch Zeilen geschrieben, welche diese außerordentliche, von niemandem übertroffene Musik inspirierten.

Nachdem ich mir ein Wörterbuch besorgt hatte, begann ich diese Zeilen zu lesen. So trat das Evangelium zum ersten Mal in mein Leben. Ich unternahm unwahrscheinliche Anstrengungen, die mich für die damalige Zeit in fast abenteuerliche und gefährliche Situationen verstrickten (nochmals, lobt da etwa jemand die Sowjetzeit?), organisierte ich mir eine Fotokopie des Neuen Testaments und begann es zu lesen. Die absolute Überzeugungskraft der Musik von Bach führte mich zu der absoluten Überzeugtheit von der Wahrheit des Evangeliums Christi, auch wenn bis zu meiner Taufe noch lange Jahre vergehen sollten. Aber nicht nur für mich, auch für viele andere Menschen in der sowjetischen Periode war Bach ein großes geistiges Ventil und ein Verkünder Christi.

II.

Mit meinem Eintritt in die Kirche wurde die Präsenz Bachs in meinem Leben nicht geschmälert, sondern durch andere Bedeutungsinhalte bereichert. Es geht darum, daß die zeitgenössische Kultur auf viele Menschen einen deprimierenden Eindruck macht. Ich spreche nicht von den offenen Abscheulichkeiten in der Art der Bücher Sorokins (Wladimir Georgjewitsch Sorokin, geb. 1955, russischer Schriftsteller, Vertreter der Postmoderne. – Übers.) oder den zeitgenössischen Moden von Opernregisseuren, die, sagen wir, aus den Figuren von Mozartopern reinste Homosexuelle machen. Nein, die Rede ist von völlig seriösen Ausdrucksformen der Kultur, von Büchern, Filmen, Musik. Sie sind bei all ihrer zeitweisen Aktualität, Wichtigkeit und ihrem Unterhaltungswert seicht, ihre ästhetische Wirkung ist geradlinig und kurz.

Urteile ich zu streng? Überhaupt nicht, denn es gibt einen Vergleich. Bach legt die ästhetische Latte so hoch, daß im Bezug darauf das wahre ästhetische „Gewicht“ kultureller Phänomene der Gegenwart sichtbar wird.

Bachs Musik kann man nicht als einfach bezeichnen (Vivaldi und selbst Händel sind für das Verständnis viel zugänglicher); im Gegenteil, sie ist außergewöhnlich kompliziert und ausgeklügelt. Das Genie Bachs besteht freilich darin, daß man dieses gar nicht bemerkt. In Unkenntnis der Besonderheiten seines Werkes nehmen die Leute seine Musik im besten Fall zu etwa zwanzig Prozent wahr (und selbst diese 20% sind mit nichts zu vergleichen). Doch diese Besonderheiten bestehen in der unwahrscheinlichen Vielschichtigkeit und Tiefe der Werke Bachs. Nehmen wir als Beispiel einen Teil der Kantaten (lutherische Gesänge für den Gottesdienst; Bachs Feder entstammen über zweihundert geistliche Kantaten). Eine Stimme singt, das Orchester begleitet sie. Im Orchester sticht eine langsame Melodie hervor, die sich mit dem übrigen musikalischen Gewebe verflicht. Für das Ohr bewirkt all das einen bewegenden, erhebenden, harmonischen und vollendeten Eindruck (eben jene 20 %). Doch jetzt wollen wir die restlichen 80% hinzufügen.

Eine Stimme singt einen Text aus der Bibel oder sakraler Poesie, das ist der erste, direkte Zweck. Die Melodie, die sich im Orchester herausschält, ist ein Choral, das ist eine einfache und der ganzen Gemeinde bekannte alte Melodie, die mit einem bestimmten Sinnzusammenhang verbunden ist (nun, sagen wir, wenn ein Orthodoxer ohne Worte die Melodie des Großen Kanons des heiligen Andreas v. Kreta hört, dann wird er sofort in die Bildersphäre des Großen Fastens versetzt)(Andreas von Kreta (660 – 740), Erzbischof von Kreta, bedeutender Hymnendichter, sowohl von der katholischen wie auch der orthodoxen Kirche als Heiliger verehrt. Besonders bekannt durch seine Hymnensammlung (Großer Kanon) zur Fastenzeit. – Übers.). Die Choralmelodie, die ohne Text erklingt, verleiht den auszusprechenden Worten eine gewisse Objektivierung und Erweiterung. Das ist der zweite Sinn.

Weiter. Das Orchester spielt nicht einfach eine schöne Musik. Bach ist der letzte große Vertreter und Vollender einer ganzen musikalischen Epoche, in der den Aufbau einer Komposition nicht die schöpferische, durch nichts zu bändigende Phantasie des Autors diktierte, sondern die strenge Wechselbeziehung zwischen Musik, Text und Kontext. Diese Beziehung wurde durch die Verwendung bestimmter fester rhetorischer und symbolischer musikalischer Figuren erreicht. Das sind die Symbole des Kreuzes, des Vertrauens auf Gott, des Glaubens, des Leidens, der Trauer, der Freude und anderem. Die musikalisch-rhetorischen Figuren wurden von Bach ungewöhnlich kunstvoll und ausdrucksstark eingesetzt, so daß zur direkten Bedeutung des Textes und der Objektivität des „Über-Sinns“ der Choralmelodie ein philosophischer „musikalischer Kommentar“ hinzutrat, der das auszudrücken erlaubte, was dem Wort unzugänglich ist, eine gewisse – um es mit dem heiligen Johannes Klimakos zu sagen – „Freudentrauer“. (Johannes Klimakos (ca. 579 – ca. 649), griechischer Mönch und asketischer Schriftsteller. – Übers.). Zum Beispiel: der Ostergesang wird durch musikalische Motive des Kreuzes und der Geißelung begleitet, um daran zu erinnern, zu welchem Preis uns die Osterfreude zuteil wurde.

Die vierte Bedeutungsschicht ist die Wechselbeziehung der ganzen Kantate zum Kontext, d.h. zur Lesung des Evangeliums an dem gegebenen Tag des Gottesdienstes. Am häufigsten ist diese Relation nicht direkt (das ist Sache der Predigt), sondern in gewisser Weise eine „ästhetische Auslegung“ des Evangeliums.

Und schließlich die fünfte Ebene – die Meisterschaft, mit der all das geschaffen wurde.

Dabei muß man sagen, daß das für die Kultur der Epoche, die Mitte des 18. Jahrhunderts zu Ende gegangen ist, nicht unwichtig ist. Damals wurde die Musik nicht „in freiem Flug“ geschrieben, sondern konstruiert. Bach war – strenggenommen – kein Komponist, sondern ein Handwerksmeister. Diejenigen , die wissen, wie ein Werk gemacht wurde (was heutzutage nur mehr solchen zugänglich ist, die sich speziell mit dieser Kunstrichtung befassen, zur Zeit Bachs aber alle wußten), versetzt die Meisterschaft Bachs in gänzliches Erstaunen. Das ist einfach eine unglaubliche Vollkommenheit. Man darf nicht meinen, das wäre nur ein formaler Aspekt; es ist wesentlich für das Verständnis des Werkes. Wenn wir etwa das „Crucifixus“ („Der für uns gekreuzigt worden ist unter Pontius Pilatus, gelitten hat und begraben wurde“) aus der h-Moll Messe hören, ist es unmöglich, gleichgültig zu bleiben. Viele Menschen können hier die Tränen nicht zurückhalten, so stark ist die Wirkung der Musik und Kongenialität ihres Textes. Wenn man aber noch weiß, wie das gemacht wurde – unter Beachtung einer sehr strengen, makellosen Form und kompliziertester technischer Methoden, wobei das alles absolut natürlich und ungezwungen klingt – da verleiht das dem Werk eine besondere Bedeutung göttlicher Größe, Harmonie, Weisheit, Vollkommenheit und Ordnung.

Die Meisterschaft seiner Form erlaubt es Bach, jene Sphäre zu berühren, die der heilige Theophan, der Klausner , die „seelisch-geistige“ genannt hat. (Theophan, der Klausner (russ.: Feofan Zatvornik) 1815 – 1894, eine Zeitlang Bischof von Wladimir und Suzdal, dann Einsiedler, bedeutender Starez (geistlicher Lehrer und Führer), übt starken Einfluß auf die geistliche Wiedergeburt seiner Zeit aus, bekannt durch seine Auslegung des Neuen Testaments, 1988 heiliggesprochen – Übers.). So verweben sich zum Beispiel in den Orgelsonaten drei selbständige Stimmen, die ihr vollwertiges Dasein führen, zu einer erstaunlichen Harmonie, welche, wie durch einen gewissen Abglanz, das durch Worte nicht ausdrückbare Geheimnis der Heiligen Dreifaltigkeit widerspiegelt – sowohl das individuelle Sein jeder ihrer Personen, wie auch ihr Eins-Sein und die sie verbindende Liebe …

III.

Sicherlich, Bach ist mehr als Kunst, ist mehr als Kultur. Äußerste Komplexität, raffinierteste Meisterschaft, Fülle und Sinnvielfalt, die es Bach ermöglichen schon beinahe geistliche Güter zu vermitteln, beruhen ohne Zweifel auf einer religiösen Grundlage. Man kann sagen, die Epoche, die auch mit dem Tod Bachs zu Ende ging, war eine christozentrische Epoche, das letzte helle Aufleuchten christlicher, religiöser Inbrunst in der Geschichte der Menschheit, als alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens noch danach strebten, sich dem Evangelium unterzuordnen. Am Beispiel Bachs können wir deutlich sehen, wie das Christentum eine Kultur hervorbringt und wie es ermöglicht, diese Kultur aufzunehmen.

Die Unergründlichkeit und Vielfalt der Bedeutungen des Werkes von Bach war den Menschen jener Zeit unmittelbar zugänglich und nicht erst nach einem langen Studium der Geschichte des abendländischen Christentums, spezieller ästhetischer Formen und ähnlichem, was heute für solche, die sich ernsthaft für Bachs Musik interessieren, unumgänglich ist. Damals war sie jedem Gemeindemitglied verständlich. Der heutige Mensch aber ist in seiner Masse zu einem solchen Verständnis organisch gar nicht fähig. Aus der Kultur verschwand die Sinntiefe, und zwar deshalb, weil sich das christliche Fundament aufgelöst hat, auf dem diese Kultur basiert.

Im Juni hatte ich die Gelegenheit, das Bachfest in Leipzig zu besuchen. Dort versuchte ich für mich den Geist der Zeit Bachs wieder herzustellen, doch das war mir unmöglich. Aus dem Zentrum deutscher, nationaler Kultur hat sich Leipzig in eine mittelmäßige, talentlos gestaltete europäische Stadt verwandelt. In einem riesigen High-Tech-Kaufhaus, das durch seine kubische Masse die Nikolai-Kathedrale verdeckt, bilden die Rolltreppen und Treppenaufgänge einen gewaltigen fünfstöckigen Zylinder, auf dessen Boden sich ein Brunnen befindet. Einmal in der Stunde beginnt dieser Brunnen durch ein Lichtsystem zu blinken, zu brodeln und zu schäumen und stößt einen gigantischen Strahl vom Erdgeschoß bis in den fünften Stock hinauf. Und die zahlreichen Besucher des Kaufhauses, durchaus keine Kinder mehr, sondern gestandene Erwachsene, verfolgen, auf das Geländer gestützt, das Spektakel. Im Augenblick, in dem der Wasserstrahl die Decke erreicht, brechen die Leute in begeistertes Geschrei und stürmische Ovationen aus.

Stünde Bach aus seinem von hier zweihundert Meter entfernten Grab auf und könnte er das sehen, er würde, glaube ich, nicht verstehen, was da vor sich geht. Aber wenn er es verstünde, er wäre entsetzt … Während des Sonntagsgottesdienstes in der Nikolai-Kirche spielt der Organist ein Choralpräludium eigener Produktion … Welch ein Alptraum! Ich hörte einen minderwertigen Soundtrack à la Hollywood. Albert Schweitzer schrieb, die größte Errungenschaft der deutschen Nation ist die sakrale Poesie und Musik. Und da ertönt in der Kirche, wo, wie es heißt, Gott selbst dem großen Kantor, der hier diente, befahl, Choralpräludien zu spielen, eine laute, aufdringliche swingende Geschmacklosigkeit.

Bachs Grab in der Thomaskirche ist mit Blumen zugedeckt, aber die Fülle von Bachs Kunst mit all ihrem christlichen und hohen kulturellen Kontext gehört der Vergangenheit an. Was blieb, sind diese 20 % Verständnis von „Kulturdenkmälern“, „von einfach schöner Musik“.

„Lohnt es sich, zu jammern?“ hält man mir entgegen. Gut, immerhin blieben 20 % … Aber der kulturelle Raum ist gewöhnlich nicht leer. Anstelle der 80 % religiöser Ausrichtung kommt allerlei Müll zusammen, welcher die übrigen 20 % hindert, sie selbst zu sein. Deswegen wurde das, was ich auf dem Bachfest hörte, mit Sorgfalt und Respekt aufgeführt, doch – wie ich schon über die zeitgenössische Kultur ganz allgemein sagte – platt und „verstümmelt“. Falsche Tempi, falsche Darbietung des musikalischen Materials, alles irgendwie billig. Doch vor dreißig Jahren noch haben die Leipziger Bach-Interpretationen Normen gesetzt, welche die Jahrhunderte lange Aufführungstradition bewahrten. Wahrscheinlich bin ich subjektiv, doch mir tat es so leid für die Stadt und die Nation, wie mir ein Mensch leid tut, wenn er seine Persönlichkeit verliert und zu einem Teil der Masse wird.

IV.

Für mich ist es offensichtlich, daß das Christentum als gesellschaftliches Gut aus dem Leben Europas verschwunden ist, endgültig und unwiederbringlich verschwunden. Noch zieht es den Schweif der großen christlichen Kultur nach sich. Vielleicht wird sich das durch ihren Reichtum noch sehr lange hinziehen und für die Menschen, die nicht die Masse sein wollen, ein schwacher Abglanz himmlischer Schönheit sein. Beim Schlendern durch die Straßen Leipzigs, überflutet von müßiggängerischem Volk und weit weg von Bach, erkannte ich sehr klar, daß auch Rußland Europa ist. Alle Gespräche darüber, daß „wir unseren Weg gehen“ kamen mir irgendwie wie die Blumen auf Bachs Grab vor, eine Gabe an die Vergangenheit: wir hören wohl deine Musik, aber mit deinem christlichen Rigorismus dränge dich bitte nicht in unser Leben…

Wir sind Europa, nur gröber und mit Verspätung. (Diese und die folgenden Bemerkungen bzw. Vergleiche des Autors sind vor dem Hintergrund der traditionellen Einstellung der Russen zu Europa zu verstehen. Erstens wurde und wird Rußland nicht als Teil Europas empfunden und zweitens bedeutet für manche, so auch für den Autor, Europa eher eine Gefahr für die Identität Rußlands. Das hat eine lange Geschichte: bekannt und sehr intensiv war bereits der Streit zwischen Westlern und Slawophilen im 19. Jahrhundert. Desweiteren muß man sich auch vor Augen halten, daß die russische Kirche, vor etwas mehr als 20 Jahren von einer Jahrzentelangen Verfolgung durch die Kommunisten befreit, sich nunmehr mit dem Einfluß des postmodernen Westens konfrontiert sieht. – Übers.).Moskau ist eine völlig europäische Stadt: Handel, Reklame, Vergnügungen, lockere Moral. Und man darf sich keinen Hoffnungen hingeben: was immer wir tun, es wird uns nicht gelingen, Rußland vom allgemeineuropäischen Weg abzubringen. Zweifellos ziehen die Menschen in Rußland „ein Leben wie in Leipzig“ einem „Leben wie in Hanoi“ vor, aber Zwischenvarianten hat die Menschheit nicht. Und ebensowenig wie Europa wird es auch nicht gelingen, Rußland in Massen zu Christus zurückzuführen, zu einer Spiritualität nach dem Evangelium, sittlicher Wahrheit und christlicher Kultur.

Christentum und Kultur sind bereits Besitz ausschließlich einzelner Personen. Diese „Privatheit“ wird sich im weiteren auch mehr und mehr vergrößern, aber das gesellschaftliche Umfeld im Hinblick darauf immer fremder.

Und hier kehre ich zu der Bedeutung zurück, die Bach in meinem jetzigen, bereits völlig kirchlichen Leben hat. Er ist ein unentbehrliches Ventil gerade für eigene Persönlichkeiten. Seine Kunst ist in der Fülle ihres Kontextes ein starkes Gegengift gegen den Herdentrieb, die Gleichförmigkeit, Flachheit, Primitivität und Seichtheit des zeitgenössischen Kulturbereichs. Letzten Endes gewährt er mir weiterhin seine freundschaftliche Fürsorge: er tröstet, steht mir bei und erfreut mich. Ich wünschte mir, daß auch die Leser dieser Zeilen sich mit ihm befreunden. Bach ist reich an Liebe, denn er diente der Quelle aller Liebe – Christus. Ich glaube, jeder, der mit ihm eine wahre Freundschaft pflegt, wird es nie bereuen.

Biographische Notiz: Johann Sebastian BACH

Großer deutscher Komponist und Musiker. Geboren am 21. März 1685 in Eisenach in der Familie des Stadtmusikus Johann Ambrosius Bach. Das Geschlecht der Bachs ist eine alte, in ganz Deutschland bekannte „Musikzunft“. Nach dem Tod des Vaters, 1695, nimmt der in Ohrdruf lebende ältere Bruder, Johann Christoph, den Knaben in seine Familie auf. Johann Sebastian besucht das Ohrdrufer Lyzeum und erhält Musikunterricht bei seinem Bruder und Vormund. Im Juli 1703 tritt er das Amt eines Organisten in der Neuen Kirche in Arnstadt an und nach drei Jahren das des Organisten der Blasius-Kirche in Mühlhausen.

1707 heiratet Bach Maria Barbara Bach, eine entfernte Verwandte. 1708 wird er zum Organisten und Hofmusiker in Weimar ernannt. Im Dezember 1717 übersiedelt er nach Köthen, wo er Hofkapellmeister des Fürsten Leopold von Anhalt-Köthen wird, eines großen Bewunderers und Verehrers des Talents von J. S. Bach.

Am 5. Juli 1720 stirbt plötzlich Maria Barbara. Am 3. Dezember 1721 heiratet J. S. Bach Anna Magdalena Wilke, die seine zweite Gemahlin wird.
1723 wird Bach Kantor in der Thomas-Kirche in Leipzig. 1736 wird ihm der Titel eines Hofkomponisten des Königreichs Sachsen (zu dem Leipzig gehört) verliehen.

Am 28. Juli 1750 stirbt J. S. Bach. Er wird in der Gruft der Leipziger Johannes-Kirche begraben. 1949 wird seine Asche aus der im Krieg zerstörten Johannis-Kirche in die Thomas-Kirche überführt und im Altarraum beigesetzt.

Aus den zwei Ehen J. S. Bachs gingen 18 Kinder hervor, von denen die Hälfte in früher Kindheit starb. Von seinen Kindern sind Wilhelm Friedemann, Karl Philipp Emanuel und Johann Christoph durch ihr Talent als Komponist und Interpret berühmt.

Der Feder Bachs entstammen etwa zweitausend Werke, wovon etwa 1150 erhalten sind, darunter 200 geistliche Kantaten für alle Sonn- und Feiertage des Lutherischen Kirchenjahres, die Passion nach Johannes und nach Matthäus, ein Oster- und Weihnachtsoratorium, die h-Moll Messe, zahlreiche Choräle sowie geistliche Lieder. Weiter etwa 300 Orgelwerke, davon über die Hälfte Choralpräludien (für die Verwendung im Gottesdienst). Zahlreiche Werke für Klavier wie „Das Wohltemperierte Klavier“, Englische, Französische Suiten, Partiten und vieles mehr. Kammermusik, Werke für verschiedene Instrumente und Ensembles, Orchestermusik, die Brandenburger Konzerte, Suiten, Konzerte für Violine und für Klavier; „Die Kunst der Fuge“ (eines der letzten Werke J. S. Bachs).




Aus dem Russischen von Wolfgang Schmidinger

Comments

( 5 comments — Leave a comment )
egeomar
Mar. 22nd, 2012 07:35 am (UTC)
Володя, извини за наглость, а под кат можно спрятать? Меня пугают такие длинные тексты на незнакомом языке в ленте :)
gurbolikov
Mar. 22nd, 2012 07:44 am (UTC)
Катя, я же вроде специально "утопил" статью -- она стоит в 2009 году и не должна отражаться в твоей ленте...
egeomar
Mar. 22nd, 2012 07:59 am (UTC)
Вылезла :) Значит ЖЖ как-то криво работает.
Helene Studer
Jun. 4th, 2016 05:45 pm (UTC)
перевод и текст прекрасны! Данке!
gurbolikov
Jun. 5th, 2016 08:25 am (UTC)
Спасибо! Мы старались... :)
( 5 comments — Leave a comment )

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